Gartenkunst – ein etwas anderer Blickwinkel

Gartenkunst – ein etwas anderer Blickwinkel

 

Wer sich über Gartenkunst informieren will, findet meist Beispiele historischer Gärten, die im Rahmen der Erforschung der Gartenkunstgeschichte dokumentarisch beschrieben werden. Diese erstreckt sich sowohl über die Porträts ganzer Epochen als auch großer Persönlichkeiten, die als Pioniere der Gartenkunst gelten.

 

Der Weg einer Dokumentation ist nicht wie ein Panorama angelegt, um den hinter einer biografisch-historischen Kulisse verborgenen gemeinsamen Kern aller Gärten von der Antike bis zur Neuzeit zu ergründen. Vielmehr ordnet der Historiker seine Wahrnehmung den Bedingungen einer möglichst exakten Abbildung charakteristischer Unterscheidungsmerkmale historischer Abläufe unter. Im Rahmen dieser klassischen, rational geprägten Wissenschaftstradition wird die Komplexität der Erscheinungen, wie sie für die Gartenkunst in besonderer Weise gilt, auf Daten und Informationen des historischen Ablaufs beschränkt. Allgemeingültige Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten des Zusammenwirkens, wie sie unabhängig unterschiedlicher Disziplinen in der Synergetik (die aus der statistischen Physik der Nichtgleichgewichtssysteme hervorgegangen ist ) als Konzept zur Ordnungsbildung in selbstorganisierenden Systemen verstanden werden, sind nicht Gegenstand der klassischen Wissenschaftstradition.

 

Trotz der genannten Einschränkung ist der Wert einer Dokumentation für das Wissen vergangener Gartenkunst unbestreitbar. Problematisch wird es dann, wenn Fragen und Antworten des Entwerfens, unreflektiert auf die Veränderlichkeit von sozialen und kulturellen Bedingungen bezogen werden und nicht auf die Ordnungsbildung und Gesetzmäßigkeiten des Zusammenwirkens der Gestaltungselemente. Obwohl Gestalten ordnen und nicht abbilden veränderlicher Ereignisse heißt, wird rigoros aufgrund eines falschen Bezugssystems gefolgert, dass es keine universellen Gestaltungsgesetze geben kann und darf. Gleichsam wird diese Annahme zum Grundstein für ein festgefügtes Gebäude der Landschaftsarchitektur. Bis heute erfolgt dessen Ausbau auf der Grundlage einer anwendungsbezogenen Landschaftsarchitektur, die ihre Arbeitsfelder auf die unterschiedlichsten Disziplinen, wie zum Beispiel Umweltpolitik, Gesellschaftspolitik, Soziologie, Psychologie, Soziologie, Agrarwirtschaft usw. ausdehnt. Dies hat eine gestalterische Qualifizierung der Studenten zur Folge, die über die Anwendung von natur- und ingenieurwissenschaftlichen Grundlagen kaum hinausgeht und die Gefahr in sich birgt, dass Landschaftsarchitekten zum Beispiel durch Ökologen, Geographen usw. ersetzbar sind.

 

Die auf diesem Weg disziplinär entwickelten Theorien sind wenig hilfreich, solange sie auf einzelnen Bausteinen unterschiedlicher Disziplinen basieren, ohne dass diese in einen übergeordneten Gestaltungsansatz integriert werden können. Auch eine Entwurfstheorie, die vorgibt, auf einem komplementären Wissenschaftsverständnis zu basieren, dessen Umsetzung über den Austausch einzelner Begriffe jedoch nicht hinausgeht und dabei den gewohnten Komplexitätsbegriff (linear-kausalanalytischen Denkmodell) beibehält, bietet keine Basis für ein wirksames Gestaltungselement.

 

Um die Erkenntnisse verschiedenster Disziplinen unter einem Dach versammeln zu können, bedarf es einer systemischen Auffassung von Komplexität, deren Grundlagen ich in meinem Gestaltungsansatz „Die Organisationsform des Gartens“ beschreibe. Dieser Ansatz zeigt, dass politische, ökologische, soziale und gesellschaftliche Aspekte als notwendige Bestandteile der Gestaltung allgemeine Gestaltungskriterien nicht ausschließen, sondern Voraussetzung für deren Einheit sind. Zeitlose Gestaltungsprinzipien, wie ich sie in meinem Gestaltungsansatz als das Gesetz der „Bildnerischen Darstellung“ beschreibe, sind sowohl Bestandteil großartiger Gartenkunst als auch unabdingbar, wenn es um eine generelle Optimierung des Entwurfsprozesses geht. Von deren Verwendung hängt es ab, ob die aktuellen experimentellen Ansätze und temporären Konzepte ihrer Beliebigkeit und Ausdruckslosigkeit enthoben werden können.

 

Die damit verbundene komplementäre Sichtweise bedeutet, dass es nicht darum geht, das genannte festgefügte Gebäude zum Einsturz zu bringen, sondern durch die Errichtung eines weiteren den Weg für ein wirksames Gestaltungsinstrument frei zu machen.
Anita Biedermann – 4. Februar 2008
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