Der Stoff, aus dem die Gartenkunst ist

Der Stoff, aus dem die Gartenkunst ist

 

Wie jeder andere Stoff auch besteht Gartenkunst aus einzelnen Elementen, die über ihre Verbundenheit zum Stoff werden, wie das meistens der Fall ist.. Dessen verschiedenste Facetten können wir erleben und aufgrund dieser Erfahrungen bilden wir uns eine Meinung. Erkenntnisse über die Art der Verbundenheit (als Verhältnis seiner Einzelteile zum Ganzen) können wir jedoch nicht gewinnen. Übertragen auf die Gartenkunst heißt dies, dass die effizientesten Informationen über die Bedingungen der Verbundenheit, die zum Optimum der Gestaltung führen, nur im Rahmen von Spitzenleistungen der Gartenkunst zu finden sind. Gleichzeitig ist dies auch der Weg, die potenziellen Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur voll auszuschöpfen.

 

Von diesem effizienten Umgang mit der Komplexität der Gestaltung ist die Landschaftsarchitektur aber weit entfernt. Stattdessen unterliegt sie dem grundsätzlichsten Problem aller Erfahrungswissenschaften, nämlich, dass Erkenntnisse auf Erfahrungen beruhen, die zu falschen Theorien führen, die dann nicht nur den Erfahrungen, sondern auch den statistischen Methoden und Experimenten (die der Absicherung der Ergebnisse dienen sollen) wiederum vorausgehen. Dieser geschlossene Teufelskreis liegt zum Beispiel vor, wenn die Erfahrung des Erlebens einer Freiraumgestaltung oder eines Kunstwerkes zur Meinung verführt, dass Kunst erst im Auge des Betrachters entsteht und deswegen allein die Perspektive des Betrachters und nicht die des Künstlers zählt. Diese Orientierung am Erleben beziehungsweise am Objekt bestimmt die gesamte Kunstpsychologie und die Landschaftsarchitektur oder generell alle Erfahrungswissenschaften.

 

Der Stoff, aus dem die Gartenkunst ist, widersetzt sich der genannten Orientierung einer Erfahrungswissenschaft im allgemeinen und der Landschaftsarchitektur im speziellen Sinn. Anhand einer Theorie der aktuellen Landschaftsarchitektur möchte ich zeigen, dass ohne Tabubrüche die potenziellen Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur nicht genutzt werden können und dass durch einen falsch verstandenen Paradigma-Wechsel, die ohnehin schon geschwächte Landschaftsarchitektur heute dabei ist, sich selbst den letzten Todesstoß zu versetzen

 

In dem Buch „Landschaft Entwerfen“ werden aktuelle theoretische Ansätze vorgestellt. Dabei werden die Begriffe und Definitionen von Landschaft und Entwerfen auf der Basis der Theorie der Komplexität neu interpretiert. Die Zielsetzung ist eine Einführung in die potenziellen Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur und die Entwicklung einer verbindenden Theorie für die Landschaftsarchitektur.

 

Trotz richtiger Einschätzung, dass die Herausforderung der Landschaftsarchitektur im Entwerfen der Relationen liegt, die so spannend, kontrastreich und kohärent wie möglich gemacht werden sollen, scheitert die Umsetzung beider Zielsetzungen bereits am Umgang mit Komplexität und Entwerfen.

 

Die mühsame Arbeit, das Potenzial der Phänomene von Komplexität und Entwerfen von verschiedenen Seiten zu sichten und zu gewichten, spart sich der Autor ebenso, wie nach der gemeinsamen Schnittmenge von Komplexität und Entwerfen zu suchen. Stattdessen wird dem Untersuchungsgegenstand das Etikett Dreiklang der Komplexität zugesprochen, der aus den Begriffen Unvorhersagbarkeit, Prozessualität und Relationalität besteht, die als Umkehrung des kausalanalytischen Ansatzes gedacht sind. Wie der Autor selbst schreibt, stellt dieser Dreiklang nur einen von vielen Versuchen dar, die Eigenschaften des Komplexen zu bündeln.

 

Weder kann die Bündelung des Komplexen zur Umkehrung des kausalanalytischen Ansatzes führen, noch ist die Überbetonung von Unvorhersagbarkeit und Kontextualität gerechtfertigt. Der genannte Dreiklang entspricht einer einseitigen Entweder-oder-Entscheidung und der Objekt-Perspektive des kausal-analytischen Ansatzes. Der notwendige Perspektivenwechsel (der mehr ist als nur ein Paradigmawechsel), der zur Einheit von Subjekt und Objekt führt und das Sowohl-als-auch voraussetzt, wird dadurch nicht vollzogen.
Die Umkehrung des kausalanalytischen Ansatzes bedingt auch die Umkehrung der Sichtweise des Entwerfens, wodurch der Garten beziehungsweise die Landschaft ihren Objekt-Charakter verliert und stattdessen von der Einheit von Subjekt und Objekt ausgegangen werden muss. Zum Beispiel, wenn die Qualität des Entwerfens an ihrer Wandlungsfähigkeit festgemacht wird, diese aber zur Eigenschaft des Gartens beziehungsweise Landschaft (Objekt) gemacht wird, dann erhält zum Beispiel die historische Gartenkunst dadurch fälschlicherweise den Status von unwandelbaren Landschaften, die als „tote“ Landschaften, wie sie genannt werden, nur deswegen überleben, weil sie unter Schutz gestellt werden.

 

Innerhalb dieses genannten Rahmens bedeutet die heutige Entwicklung von unwandelbaren zu wandelbaren Landschaften, dass die wandelbarste Landschaft diejenige ist, die man der Natur überlässt. In letzter Konsequenz ist dies der Todesstoß für die Profession der Entwerfer. Anstelle des Willens zur Gestalt scheint der Wille zum Untergang getreten zu sein, der Folge der Unwandelbarkeit der Perspektive (Objekt, statt Einheit des Subjekts und Objekts) ist. Insgesamt führt die Objekt-Perspektive beziehungsweise die Orientierung am Erleben (Erfahrung) zur schnellst möglichen Erschöpfung der potenziellen Möglichkeiten (um die es dem Autor geht).
Erst über die Tabubrüche der bisherigen Orientierung wird verstanden, dass zum Beispiel die Beliebtheit der Parklandschaft von Sanssouci mit ihrer spürbar lebendigen Organisationstiefe zusammenhängt, die zugleich auch das Optimum der Gestaltung repräsentiert. Die Analyse dieser Organisationsform wird erst auf der Basis sprachlicher Äußerungen möglich. Geeignete Informationen kommen aus der Gruppe der Gartenkünstler, deren Spitzenleistungen in Verbindung mit ihren Kunstauffassungen und ihren Ideen, wie die Dinge zusammenwirken, zu sehen sind.

 

Auf der sprachlichen Ebene zeigen sich systematische Zusammenhänge zwischen der besonderen Form der Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit und der Entstehung von Kreativität, Emergenz, aber auch der Einheit von Idee und Gestalt. Die damit verbundenen Organisationsprinzipien sind ein zu den Erlebnissen notwendig hinzugedachtes Prinzip, um den synthetischen Charakter der Gestaltung vom Range der Ganzheit zu verwirklichen. Über die Integration ökologischer, ökonomischer und sozialer Aspekte alleine kann die Landschaftsarchitektur ihre potenziellen Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur jedoch nicht nutzen.

 

Die Perspektive der Einheit von Subjekt und Objekt ist in der Gruppe arrivierter Künstler, einiger nichtlinearer Wissenschaftler (z. B. Gruppe um Prof. Dürr) und bereits bei den alten Griechen verwirklicht. Diese gemeinsamen Organisationsprinzipien sind auch die Basis für die Übertragbarkeit der Theorie der Komplexität auf den Fachbereich Entwerfen. Sind die gefundenen Ergebnisse verschiedener Gebiete gleich, dann spricht dies für deren Zuverlässigkeit. Diese Kontrollfunktion durch verschiedene Fachbereiche ist jedoch völlig unterbunden, wenn, wie im diskutierten Beispiel, lediglich drei Begriffe eines Wissenschaftsparadigmas dem Objekt zugesprochen werden.

 

Während die Objekt-Perspektive die Auseinandersetzung über Begriffe und Definitionen bedingt, vollzieht sich die Einheit von Subjekt und Objekt unmittelbar über Fragen, wie sie der kausal-analytische Ansatz tabuisiert. Dabei handelt es sich um die Sinn- und Ursprungsfrage. Da Wissen Antworten auf Fragen ist, kann die Wiedereinführung der genannten Fragen als grundlegend für die Umkehrung des kausal-analytischen Ansatzes bezeichnet werden.

 

Zum Beispiel durch die Frage nach dem Ursprung, Sinn und Zweck der Gestaltung nimmt der Gestalter sich in seiner Subjekt-Rolle wahr. Dadurch erfolgt auch die Umkehrung des Menschenbildes: Der Mensch steht nicht mehr vor der Welt, um diese zu erobern und zu kontrollieren, sondern er hat die Möglichkeit, von der Natur zu lernen, um seine Lebensqualität zu verbessern. Insbesondere lehrt uns die Natur, dass veränderliche und einmalige Prozesse ohne einen festen Rahmen nicht funktionieren können. Dieses Muster eines Lebensprozesses tragen wir in uns. Die organisatorische Tiefe eines Gartenkunstwerkes ist Spiegel dieses Musters. Der Garten mit seiner Verbundenheit mit allen Lebensaspekten wäre damit wieder spürbar. Der heute noch vorhandene Alleinvertretungsanspruch linearer Wissenschaften hat sicherlich mit deren Verlässlichkeit zu tun. Deswegen steht auch die Frage im Vordergrund, wie trotz einer größeren Unsicherheit Wissenschaft noch verlässlich bleibt. Wenn dieses Ziel aufgegeben wird, dann geht auch die Orientierung verloren.

 

Die Landschaftsarchitektur weicht diesem Problem aus. Die Theorie der Komplexität bietet, wenn sie auf der Objekt-Perspektive gründet, die Möglichkeit, die bisherigen Unzulänglichkeiten umzudeuten. Zum Beispiel kann jetzt ohne Scham behauptet werden, dass die subjektiven und intuitiven Anteile der Gestaltung, denen man bisher (fälschlicherweise) die diffuse theoretische Basis angelastet hat, eine ganz neue Qualität bekommen. D. h., man glaubt nun, sich erfolgreich gegen vorgefertigte Idealbilder und statische Gesamtpläne zur Wehr setzen zu können, um somit leblose Bilder gegen lebendige einzutauschen.

 

Diese erschütternde Verkennung der Qualitäten der klassischen Moderne, aber auch historischer Gärten gründet auf der untauglichen Objekt-Perspektive. Auf dieser Ebene sind Gestaltungsregeln tatsächlich unangebracht. Gerade die Chaosforschung, aber auch die Bedingungen der Lebensprozesse haben gezeigt, dass selbst das größte Chaos nicht ohne Regeln ist. Die damit verbundene Überbetonung des Unvorhersagbaren ist schon deswegen unangebracht, da es genügend Beispiele gibt, die zeigen, dass wenn alle Bedingungen bekannt sind, dann auch die Vorhersagbarkeit gegeben ist. Wie schon gesagt, spielen sich lebendige Prozesse stets in den Grenzen von Stabilität und Instabilität ab.  

 

Die Theorien aus den Erfahrungswissenschaften mussten schon häufig revidiert werden. Die Beweisführungen der griechischen Mathematiker vor mehr als 2000 Jahren jedoch nicht (vgl. Martin Zimmermann, 2003). Mathematiker vertrauen nicht dem Experiment, sondern der Kraft ihrer Logik. Diese Kraft muss heute verloren gegangen sein. Wie sonst könnte es sein, dass man heute mehr auf Intuition setzt. Der Begriff Erfahrungswissenschaft ist schon ein Hinweis auf die fortwährende Fehlerquelle. Bereits Platon wusste, dass Erfahrungen nur zu Meinungen, aber nicht zu Wissen führen. Wie Goethe schon sagte, wer den ersten Knopf nicht findet, schafft die anderen nimmer mehr. Eine falsche Verknüpfung von Knöpfen wird im Unterschied zu einer falschen Orientierung des Denkens im Allgemeinen jedoch schnell bemerkt

 

Zusammenfassend möchte ich feststellen, dass die wörtliche Betrachtung des Stoffes, aus dem die Gartenkunst ist, stellvertretend für die Erkenntnisschwierigkeiten der Erfahrungswissenschaft im Allgemeinen und der Landschaftsarchitektur im Speziellen steht. Erst über verschiedene Tabubrüche kann eine brauchbare Theorie der Landschaftsarchitektur entwickelt und die potenziellen Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur genutzt werden.  
© Anita Biedermann – 2009
Lit.:Martin Prominski „Landschaft Entwerfen“ Dietrich Reimer Verlag, 2004

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