Gehirn-gerechtes Denken

Zeitlose Gestaltungsprinzipien als wiederkehrende Geschehnisse großer Meisterwerke
der Bildenden Kunst, der Gartenkunst und der Wissenschaft                

Mein Name ist Anita Biedermann – ich möchte mich als Autorin der „Quantenversion der Gestaltung“ vorstellen, deren Ziel es ist, die innere Struktur zeitloser Gestaltungsprinzipien als wiederkehrende Geschehnisse großer Meisterwerke sowohl der Malerei, der Gartenkunst und der Wissenschaft naturwissenschaftlich zu beschreiben und zu begründen. Deren quantenphysikalische Beschreibung lehrt uns, wie unser Denkapparat funktioniert. Dem Ausdruck Gehirn-gerechtes Denken, der von der Vera F. Birkenbihl-Akademie stammt, schließe ich mich an. Da jedoch der Untersuchungsgegenstand stets die Anforderungen an unser Gehirn bestimmt, beginne ich mit der Problematik des Denkens, die sich heute in der jungen Generation der Quantenphysiker zeigt. Beginnen möchte ich mit einer wohl sehr provokanten These: Die Kombination aus speziellem Fachwissen und logisch-mathematischem Denken sichert den Physik-Absolventen eine Vielzahl von Berufschancen und bietet ihnen hervorragende Jobperspektiven, ohne sie jedoch klüger zu machen. Den Grund sehe ich darin, dass sich das Interesse der neuen Generation der Physiker auf Einzelheiten verlagert hat und deren Bezug zum großen Ganzen scheinbar mit einem Tabu belegt ist. Aber gerade der Bezug zum Ganzen, der die Natur und den Menschen miteinbezieht, ist es, was die sehr viel fundamentaleren Strukturen unseres Denkapparates herausfordert. Ähnlich wie im Sport, gilt, was nicht trainiert wird, verkümmert. Wenn ich mich richtig erinnere, sagte Vera F. Birkenbühl einst in einem ihrer von mir sehr geschätzten Videos „Die Quantentheorie schützt vor Alzheimer.“

Oft werde ich gefragt, was hat Quantentheorie mit Gartenkunst zu tun. In der Tat drehen sich die Vorstellungen über die Quantenphysik meist um fachspezifische Ergebnisse, die gegen den  normalen Menschenverstand zu verstoßen scheinen, daher uns Menschen wohl auch nicht betreffen müssen – so die Meinung. Sehr beliebt und bekannt ist das Doppelspaltexperiment: Je nach Versuchsanordnung erscheint hier entweder das Bild einer Welle oder eines Teilchens, die gleichzeitige Bestimmung von Wellen- und Teilcheneigenschaften des Lichts ist aber nicht möglich. Sehr interessant wird es aber, wenn diesem zunächst rein fachspezifischen Ergebnis der eigentliche, aber nicht beobachtbare Kern der Beobachtung übergeordnet wird, der auf jede Erkenntnistätigkeit übertragen werden kann. Nämlich, dass sich hier zum ersten Mal die Wechselwirkung des Objekts mit dem Beobachter beziehungsweise dessen Beobachtungsmittel gezeigt hat. Problematisch für die Änderung einer gewohnten Denkweise ist, dass unser Denkapparat so funktioniert, dass er die gängigen Begriffe wie Raum und Zeit, Kausalität und Objektivität bereits voraussetzt, wenn er Beobachtungen macht. Es sind aber gerade diese Begriffe, die sich durch die Ergebnisse der Quantenmechanik sehr geändert haben. Aber es handelt sich nicht um eine Änderung der Inhalte, sondern um eine Strukturveränderung, die noch nicht das Bild allgemeiner Erfahrung der Menschen bestimmt. Dies erklärt sicherlich warum diese Änderungen noch nicht ihren Eingang in die am weitest verbreiteten Denkgewohnheiten gefunden haben. Dadurch verstößt quasi jede quantenphysikalische Beschreibung eines Objekts unseres Alltags gegen diese Denkgewohnheiten – so auch die quantenphysikalische Beschreibung zeitloser Gestaltungsprinzipien.

Allgemein gesehen lehrt uns die quantenphysikalische Denkweise daher nicht, wie wir faktisch denken – dieses entspricht den Gesetzen der klassischen Physik, sondern sie lehrt uns alternative Möglichkeiten, wie wir denken sollten, um das Miteinander von Mensch und Natur im Sinne der systematischen Einheit der Natur zu gestalten. Diese gibt Auskunft über ihre Begriffe und Grundsätze als Apriori und enthält die reinen Handlungen des Denkens. In einem Zeitalter, wo der Mensch sich selbst zur größten Gefahr geworden ist, seine eigene Lebenswelt zu zerstören, muss der Mensch sich wieder als Einheit der Natur begreifen, wie es zum Inbegriff der Quantentheorie gehört. Steht hinter dem Erkennen ein theoretischer Formalismus im Sinne von Prinzipien übereinkommender Erscheinungen, die in der Wissenschaft als strengst mögliche Maßstäbe eines sicheren Weges empirischer Wissenschaften gelten, dann handelt es sich nach Heisenberg um die formbildende Kraft einer ausgesprochenen Struktur, die das eigentliche Wesen einer wissenschaftlichen Erkenntnis ausmacht. Hier zeigt sich die enge Verwandtschaft von Wissenschaft und Kunst. Um am Ball zu bleiben, studierte ich wiederholt Weizsäckers Werk „Die Einheit der Natur.“ Bei dieser Lektüre ist mir erst so richtig bewusst geworden, dass die neue Wirklichkeit der Quantenphysik schon seit meiner frühen Praxis der Malerei der klassischen Moderne impliziter Bestandteil meiner eigenen Denkweise war. Aber um dies erfahren zu können, musste ich meine künstlerischen Erfahrungen in die Fragestellung der Quantentheorie transformieren. Die Renaissance der klassischen Moderne, die mit ihren zeitlosen Gestaltungsprinzipien zur  internationalen Kunst aufgestiegen ist, nahm ich zum Anlass, nochmals tiefer in die quantenphysikalische Materie zeitloser Gestaltungsprinzipien einzusteigen.

Faktisch sind die Gesetze der klassischen Physik nur an die materiellen Gegenstände unserer Sinne angepasst, sagen aber nichts über ihre formale Bedeutung ihrer gestalterischen Einheit. Der Grund sind Erkenntnisschwierigkeiten, die Niels Bohr auf die Wechselwirkung des Objekts mit dem Beobachter zurückgeführt hat und zu seiner Forderung einer Theorie der Komplementarität geführt hat. Später entdeckte man, dass deren Einführung durch Niels Bohr mit der Unschärferelation von Werner Heisenberg übereinstimmt. Bekanntlich handelt es hier um Quanteninformationen, die erst zur Übereinstimmung von Theorie und Empirie geführt haben und dadurch den  technischen Erfolg ermöglichten. Dies war nur möglich, weil es nicht primär um Gesetze der Natur in materieller Bedeutung, also Gegenstand unserer Sinne, sondern um Gesetze der Natur in formaler Bedeutung ging. Anders formuliert, es war der Wechsel vom klassischen Denken zum quantenphysikalischen Denken, wie es Spitzenleistungen in der Gartenkunst, aber auch in der Wissenschaft voraussetzen. Zum Beispiel entstehen Spitzenleistungen in der Gartenkunst nicht auf der Basis einer Systematisierung der materiellen Ausstattung eines Gartens, die bestenfalls zur Reproduktion eines Gartenstils taugen. Diese veraltete Abbildungstheorie der klassischen Physik lassen wir hinter uns. Sie ist Konstruktion einer von uns als unabhängig gedachten Welt. Stattdessen wechseln wir zur neuen Sicht der Quantentheorie nach der wir in einer von uns erkannten Welt leben.

Deren große Zusammenhänge der Einheit von Natur und Mensch werden durch die Geltung universeller Naturgesetze beschrieben, wie es in den Naturwissenschaften allgemein üblich ist.[1] An der Spitze der Gesetzmäßigkeit zeitloser Gestaltungsprinzipien steht die Einheit des Gesetzes. Diese besagt, dass jeder inhaltliche Aspekt zu nichts mehr oder weniger als organisierter Farbe werden kann.[2] Ihre Organisation wiederum geht letztlich auf die Einheit der Natur zurück, wie sie sich uns in der Quantentheorie darstellt. Carl Friedrich von Weizsäcker nennt diese großen Zusammenhänge einen anderen Ausdruck für das, was die Physiker auch die allgemeine Geltung einer fundamentalen Theorie nennen.[3] So geht meine Quantenversion der Gestaltung fundamental auf die Einführung des Kohärenzprinzips als elementarste Bedingung der internen Struktur lebendiger Prozesse zurück. Diese muss ausnahmslos zur Aufrechterhaltung ihrer Funktion ihre Kohärenz bewahren. Als eine Quanteninformation ist sie weder an einen Sender, noch an einen Empfänger gebunden, wodurch sie intersubjektiv gültig ist. Kohärenz basiert auf der anfangs genannten Komplementarität. Die elementare Bedeutung der Komplementarität, die in besonderem Maße dem künstlerischen Denkmuster inhärent ist, beschreibt Weizsäcker folgendermaßen: „In der klassischen Physik sind Raum-Zeit-Beschreibungen und Kausalforderungen widerspruchsfrei zusammengefügt. Das Wirkungsquantum symbolisiert den Bruch dieser Einheit, ihr Zerfallen in komplementäre Bilder. Wenn der Philosoph etwas verstehen muss, dann muss er also die Komplementarität verstehen.“[4]

Zum Verständnis der Komplementarität gehört auch, dass durch diese die Erkenntnis eines Objektes stets an ein Subjekt gebunden ist, das heute Teil einer Untersuchung ist. Dies machte die Theorie zeitloser Gestaltungsprinzipien möglich, die besagt, dass, wenn sich die Organisationsprinzipien der Gestaltung isomorph zur körperlichen Organisationsform verhalten, dies „Wohlgefühl“ erzeugt. Darüberhinaus gilt, Meisterwerke, die uns stark berühren, können zeitlos werden – je größer die Isomorphie von Gestaltungsmodell und Gestaltungswirklichkeit, desto wahrscheinlicher ist es, dass es sich um das Muster großer Leistungen handelt. Isomorphie bezeichnet im Unterschied zu einer Metapher oder Analogie die höchst mögliche Form der Ähnlichkeit zwischen Modell und Wirklichkeit – vergleichbar mit der Symmetrie-Ordnung einer mathematischen Gleichung. Damit beanspruchen die Meisterwerke der Kunst als eine Idealform dieselbe Stimmigkeit, die üblicherweise nur naturwissenschaftlichen Sachverhalten vorbehalten wird. Nicht zuletzt ist es wesentlich, dass sich alle Parameter der Relativität der Farbwirkung in der Natur nachweisen lassen. „Indem sich die durch Interventionsmaßnahmen erfolgten Veränderungen einer Gesamtwirkung aus der eigenen Dynamik der Parameter, die das System strukturdeterminiert festlegen, erklärt werden kann, ist eine intersubjektive Begründung der Gestaltung möglich.“[5]

Damit gilt auch für die Stimmigkeit der Meisterwerke der Kunst, dass ihr ultimativer Richter die Natur ist. Dadurch ist auch das letzte Privileg, das die Naturwissenschaft gegenüber der Kunst für sich beansprucht, hinfällig geworden.[6] Ein weiteres Beispiel an neuen Möglichkeiten ist, dass auch in der Landschaftsarchitektur zur optimalen Raumnutzung und Prägnanz des Ausdrucks die gesetzmäßige Beziehung der Teileinheiten zueinander und zum Ganzen genutzt wird. Ähnlich dem Bose-Einstein-Kondensat werden Teileinheiten durch eine gemeinsame Funktion übereinstimmender Erscheinungen beschrieben, was einem makroskopischen Quantenzustand entspricht. Diese übereinstimmende Form der Erscheinungen gilt zugleich als sicherster Weg empirischer Wissenschaft. Wie hinderlich dagegen die klassische Einteilung in a) makroskopische Welt, von der behauptet wird, dass in ihr der die klassische Physik herrscht und keine typischen Quanteneffekte zeigt und b) mikroskopische Systeme, die künstlich auf die Welt der Atome beschränkt werden, möchte ich mit einem Zitat eines Quantenphysiker belegen: „Wie kann man Landschaftsarchitektur (in der Makrowelt) und Unschärferelation (die ja in der atomaren Mikrowelt gilt) in Verbindung bringen?. [7]  Im Unterschied zu diesem Zitat wird in der Quantenversion der Gestaltung die Verbindung von Landschaftsarchitektur und Unschärferelation durch die quantenphysikalische Beschreibung der Landschaftsarchitektur hergestellt, die zu Prinzipien übereinkommender Erscheinungen führt. Im Zitat wird die Landschaftsarchitektur dagegen der Makrowelt zugeordnet. Im Falle der quantenphysikalischen Beschreibung jedoch handelt es sich um die Anbindung der Landschaftsarchitektur an die moderne Wissenschaft. Vielleicht nicht ganz zufällig blieb die Quantenversion der Gestaltung trotz dieser nicht ganz unwichtigen Möglichkeit bisher traditionslos.

Nachdem eine sehr aufmerksame Leserin meinen Text gelesen hatte, schrieb sie mir: Ich verstehe natürlich, was du mit Meisterwerken der Gartenkunst meinst, aber was meinst du mit Meisterwerken der Wissenschaft? Offensichtlich zeigt sich hier die Schwierigkeit, dass jedes Verständnis der Quantenphysik, die quantenphysikalische Wahrnehmung voraussetzt, wie ich glaubte, in dem Text im Unterschied zur klassischen Physik dargestellt zu haben. Alle Leser sind dazu aufgefordert, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Auf möglichst viele Zuschriften freue ich mich und versuche diese auch alle zu beantworten.

[1] Carl Friedrich von Weizsäcker : „Die Einheit der Natur.“ S. 466
[2] Anita Biedermann. „Die Quantenversion der  Gestaltung. Zeitlose Gestaltung als Übertragung der

Unschärferelation am Beispiel der Landschaftsarchitektur.“
[3] Carl Friedrich von Weizsäcker : „Die Einheit der Natur.“ S. 466
[4] Carl Friedrich von Weizsäcker : „Die Einheit der Natur.“ S. 409
[5] Anita Biedermann. „Die Quantenversion der Gestaltung. Zeitlose Gestaltung als Übertragung der

Unschärferelation am Beispiel der Landschaftsarchitektur.“ S. 150
[6] ibid.
[7] Zitat von Konrad Kleinknecht, Vorsitzender der Heisenberg-Gesellschaft