Mein Selbstverständnis als Malerin
 
Es war Ostern 1963 als mir mein damaliger Kunsterzieher Siegfried Gysler als Preis für besondere Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst das Buch „Geschichte der modernen Malerei“ von Herbert Read überreichte, das mein Wegbereiter für die Weiterentwicklung der klassischen Moderne zur Quantenversion der Gestaltung wurde. Deren Abgrenzung gegenüber der bloßen Abbildung einer von uns als unabhängig gedachten Welt formulierte Paul Klee einst so: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.“ Dieses Zitat von Klee beinhaltet das wichtigste Kriterium der klassischen Moderne, die veraltete Abbildungstheorie der klassischen Physik hinter sich zu lassen, da sie Konstruktion einer von uns als unabhängig gedachten Welt ist.
 
Erforderlich ist eine Neuordnung, die uns nicht lehrt, wie wir faktisch denken, sondern wie wir denken sollten, um das Miteinander von Mensch und Natur im Sinne der systematischen Einheit der Natur zu gestalten, von der wir ein Teil sind. Die Grundannahmen der alten Ordnung sind Konstruktionen der per Konvention festgelegten Begriffe wie Objektivität und Kausalität, was die Wertefreiheit der Wissenschaft durch die Trennung von Subjekt und Objekt garantieren soll. Konstruktivisten sprechen hier von der genialsten Strategie, sich der Verantwortung entziehen zu können. Da sich insbesondere diese Begriffe durch die Quantenphysik stark geändert haben, die mehr der kunstimmanenten Erfahrung angepasst sind, folgte daraus die Quantenversion der Gestaltung: Alles lebt, befindet sich im ständigen Wandel und ist am Ende trotzdem miteinander verbunden – quantenphysikalisch verschränkt.
 
Kunst hat für mich die Aufgabe der Entmenschlichung entgegen zu wirken. Im Erschrecken vor Auschwitz glaubte die Welt durch die Errichtung einer Friedensordnung – erbaut auf Menschenrechten und Völkerrecht -, ihre Lehren gezogen zu haben. Schauen wir uns in der Welt um, dann handelt es sich hier nicht um eine wirkmächtige Ordnung, um Antisemitismus zu verhindern.

Vorbildhaft für den Blick über den Tellerrand ist für mich Leonardo da Vinci, der sich gleichzeitig als Wissenschaftler, Forscher, Techniker, Maler und Bildhauer verstand. Dieses Selbstverständnis als Universalgelehrter wird in meinem Buch „Die Quantenversion der Gestaltung“ als heutiger Da-Vinci-Pluralismus bezeichnet. Bekanntlich hat die nachfolgende fortwährende Arbeitsteilung zu immer mehr Detailwissen geführt. Umso wichtiger gilt, den Blick für das Ganze nicht zu verlieren.

 
Beschreibung der Bilder

Die Bilder meiner sehr frühen Schaffensperiode bis zu den heutigen Bildern verweisen auf die klassische Moderne. Ihr zentraler Gedanke ist die Polarität beziehungsweise Komplementarität. Bei dieser abstrakten Information muss der einzelne Kontrast ins einheitliche Ganze des Kunstwerkes transformiert werden. Während ein Kontrast oder Gegensatz noch keine Ordnung der Gegensätze impliziert, bedeutet die Polarität die Wechselbeziehung zwischen einzelnen Interventionsschritten und einer Gesamtwirkung. Dieses Interesse an Gesetz und Ordnung zur Beherrschung des Chaos führt letztlich in die Tiefe zeitloser Gestaltungsprinzipien. Johannes Itten beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: „Künstler sein heisst Chaos erleben und Einheit ersehnen in seinen Gestalten.“

Mit dieser Auffassung verstoßen Itten und die Repräsentanten der klassischen Moderne gegen das am weitesten verbreitete Denkmuster der klassischen Physik, das auch Grundlage ästhetischer Gestaltungsprinzipien ist. Deren Ungereimtheiten liegen in der Verengung ihrer Fragestellungen und Begrifflichkeiten durch die historisch bedingte Entstehung der exakten Naturwissenschaft, der größeren Subjektivität und dem Wachstum eines höheren historischen Bewusstseins. Zum Beispiel werden alle Sinn- und Ursprungsfragen ebenso wie alle Wechselwirkungen zwischen Objekt und Subjekt ausgeschlossen, die als Inbegriff der Quantentheorie gelten. Die Methode, alle Dimensionen der Wirklichkeit unter eine rein individuelle, zeitlich und räumlich begrenzte Entwicklung zu substituieren, wurde bereits im späten 18. Jahrhundert als die Relativität der Geschichte erkannt und kritisiert.

Aufgrund der falschen Rahmenbedingungen einer Erkenntnis, die zu diesen Ungereimtheiten führt, war die Verlagerung zeitloser Gestaltungsprinzipien auf ihre Quantenbedingungen möglich und zugleich zwingend notwendig. So beginnt meine Quantenversion mit der gestalterischen Einheit, bei der jeder inhaltliche Aspekt zu nichts mehr oder weniger als organisierter Farbe werden kann. Diese Organisation ist nicht beliebig, sondern sie erfolgt gesetzlich über ihre Parametrisierung, die auf der Weiterentwicklung der sieben Farbkontraste von Johannes Itten beruht: „Indem sich die durch Interventionsmaßnahmen erfolgten Veränderungen einer Gesamtwirkung aus der eigenen Dynamik der Parameter, die das System strukturdeterminiert festlegen, erklärt werden kann, ist eine intersubjektive Begründung der Gestaltung möglich.“[1] Von dieser Möglichkeit einer wissenschaftlichen Begründung der Gestaltung sind die klassische Physik, ebenso wie ästhetische Gestaltungsprinzipien weit entfernt.

Im Vergleich zu heutigen Kunstgattungen, die extreme Kontextabhängigkeiten betonen, konnten transhistorische Gesetze zunächst nicht mehr überzeugen. Deren Aktualisierung von naturwissenschaftlicher Seite her erlaubt jedoch die Wiedergabe der inneren Natur, die in der klassischen Moderne als höchste Kunst gilt. Insofern ist die Renaissance der klassischen Moderne, die zur internationalen Kunst aufstieg, nicht mehr allzu verwunderlich.

[1] Anita Biedermann. „Die Quantenversion der Gestaltung. Zeitlose Gestaltung als Übertragung der Unschärferelation am Beispiel der Landschaftsarchitektur.“ S. 150

 

Vita

Anita Biedermann ist 1947 im Hochschwarzwald geboren und aufgewachsen. Bereits in den ersten Jahren im Gymnasium entdeckte ein ausgezeichneter Kunsterzieher ihr malerisches und zeichnerisches Talent. Er befreite Anita Biedermann vom laufenden Kunstunterricht und ließ sie selbstständig an den großen Wänden seines Ateliers Projekte des öffentlichen Raumes entwerfen. Diese frühe Selbstständigkeit erklärt, warum Anita Biedermann trotz ihrer frühen Teilnahme an Ausstellungen mit international bedeutenden Künstlern sich den Gesetzen des Kunstmarktes entzog, um lieber selbst etwas über die Welt herauszufinden.

Die oft gegensätzlich anmutenden Stationen ihres Lebensweges verweisen darauf, dass in deren Zentrum stets die Malerei stand. Als wichtigste sind zu nennen:

– 1974 Beteiligung an der 22. Kunstausstellung der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen mit Prof. Michael Schoenholz
– Freiberufliche Tätigkeit als Modedesignerin mit Lehrtätigkeit für eine Farbenfirma   
– 1986-1992 Studium der Psychologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
– Diplomarbeit: „Soziale Repräsentation von Kunst“
– 1988 Einladung zum großen Preis von Ludwigshafen mit Kultusminister Dr. Gölter       
– 1988 rest-art-Ausstellung von und mit Eva Vargas auf dem Heidelberger Schloss
– 1992 – 1994  Freischaffende Künstlerin im Atelier des früheren Kunsterziehers und
–  Unterrichten von Schülern zur Vorbereitung der Bewerbung an die Kunstakademie
– 1994 Umzug nach Brandenburg, Sommerfeld/Oberhavel
– Bau eines Eigenheims mit durch die Medien bekannt gewordenen künstlerischen Garten
 – Eintritt in KunNo Kulturnetz Nord Brandenburg
– 2015 Ausstellung in der Mühle Himmelpfort
– 2017 Ausstellung 2. Kunstsalon KuNO im Franziskanerkloster Gransee
– 2018 Ausstellung 3. Kunstsalon KuNO im Museum Mühlenhaupt in Bergsdorf
– 2018 Eintrag in Kreativatlas Brandenburg
– 2019 Internationale Kunstausstellung in Achzig Galerie Berlin
– 2019 Ausstellung 4. Kunstsalon KuNO Künstlerhof Roofensee
 
 
Veröffentlichungen:
 
– 2016 Buchveröffentlichung: „Die Quantenversion der Gestaltung. Zeitlose Gestaltung als Übertragung der Unschärferelation am Beispiel der Landschaftsarchitektur.“ Internationaler Verlag der Wissenschaften Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 2016.  Mit einem Vorwort von Prof. Dr. Udo Weilacher TUM: Lehrstuhl für Landschaftsarchitektur und industrielle Landschaft

 
 3 Videos in Youtube: